Samstag, 11. Juni (Bad Schussenried) 20. Oberschwabentag

Der 20. Oberschwabentag stand ganz im Zeichen der Großen Landesausstellung Baden-Württemberg „4000 Jahre Pfahlbauten“, die zeitgleich in Bad Schussenried und in Bad Buchau stattfand. Nach einem Begrüßungskaffee eröffnete der Vorsitzende der Gesellschaft Oberschwaben, Prof. Dr. Thomas Zotz,

Kloster Schussenried

den diesjährigen Oberschwabentag Bibliotheksaal des Klosters Schussenried.

Um 10.00 Uhr begannen die wissenschaftlichen Vorträge. Den Anfang machte Dr. Helmut Schlichtherle mit seinem Vortrag „Symbolgeladene Häuser und finstere Masken – Neues zur religiösen Sphäre neolithischer Siedlungsgemeinschaften“.

Schlichtherle gab den Zuhörern einen detaillierten Einblick in die religiösen Vorstellungen im Neolithikum. Dabei betonte er, dass für diese Epoche auf keine Schriftquellen zurückgegriffen werden kann und somit auch keine Schriftzeugnisse Rückschlüsse auf religiösen Aspekte zulassen. Fragen nach einzelnen Göttern oder individuellen Gottheiten, wie sie zeitgleich im Vorderen Orient vorkamen, werden in der Forschung kontrovers diskutiert,

Dr. Helmut Schlichtherle (links) und Dr. Ralf Baumeister

da nur archäologische Funde zur Beantwortung dieser Fragen zur Verfügung stehen.Hierbei würde die Pfahlbauforschung einmalige Einblicke in die materielle Kultur bieten. Allerdings, so Schlichtherle weiter, blieb die religiöse Sphäre in der Pfahlbauforschung bislang so gut wie unbeleuchtet, nicht zuletzt auch deshalb, weil keine Gräberfelder bzw. die zu den Pfahlbausiedlungen gehörenden Bestattungen entdeckt worden waren.
Dann ging Schlichtherle auf ein paar konkrete Funde ein. So wurde in Ludwigshafen am Bodensee eine Siedlung entdeckt, die auf 3860 v. Chr. datiert wird. Dort fanden sich u.a. über 2000 Fragmente einer bemalten Hauswand. Es handele sich hierbei um einen sehr bedeutenden Fund. Im ganzen zirkumalpinen Raum sind bislang keine Bemalungen gefunden worden. Lediglich in Sipplingen fand man bislang noch einen weiteren Beleg für Bemalungen an Pfahlbauwänden.

Vortrag von Dr. Helmut Schlichterle

Die Zusammensetzung der zahlreichen Fragmente gestaltete sich, so Schlichtherle, als aufwändiges „Puzzlespiel“, an deren Ende die Rekonstruktion etwa lebensgroßer Darstellungen von plastisch ausmodellierten Brustfragmenten, mit aufgemalten Armen und kopfähnlichen Ausprägungen stand. Laut Schlichtherle

werden abstrahierte weilbliche Gestalten dargestellt. Allgemein zeige die Motivwahl der Wandfragmente Parallelen zu den Verzierungen auf zeitgleicher Keramik.

Seinen Vortrag rundete er mit einem Blick auf die jungsteinzeitliche Maske aus Bad Schussenried „Riedschachen“ (südlicher Federsee) ab. Dabei handelt es sich um ein bereits in den 1960er Jahren geborgenes Fragment, das jüngst als Teil einer Maske gedeutet wird, die vermutlich bei Totenritualen getragen worden sein konnte. Derzeit wird sie ins 5. Oder 4. Jahrtausend v. Chr. datiert; vergleichbare Funde sind aus dem Vorderen Orient überliefert.

Vortrag von Dr. Ralf Baumeister

Der zweite Vortrag an diesem Vormittag „Sonnenbarke und frühe Kalendarien“ – Die religiöse Welt der Bronzezeit“ wurde von Dr. Ralf Baumeister gehalten. Er leitet seit 1998 das Federseemuseum in Bad Buchau.
Reger Austausch von Gütern und Ideen in der bronzezeitlichen Welt, Vernetzung statt Isolation, seien in der Bronzezeit die Regel gewesen. Auf diese Weise hätten sich auch, so Baumeister, religiöse Vorstellungen verbreitet. Wenn es um die Rekonstruktion religiöser Vorstellungen oder Praktiken geht, liefern so genannte „Kultplätze“ wichtige Hinweise für die Archäologen. Als Beispiele für solche Plätze nannte Baumeister u.a. die Höhle am Petersfels (Gmd. Beuron, Lk. SIG) oder Schachthöhlen auf der Frankenalb, wo teilweise Spuren an menschlichen Gebeinen gefunden worden waren, die auf Menschenopfer hindeuten könnten. Auch aus der Buchauer Wasserburg im Federsee seien, laut Baumeister, Menschenopfer belegt. Ein Fund zweier Kinderschädel beweise, dass diese eines unnatürlichen Todes starben und wohl erschlagen wurden. Neben Höhlen als Kultplätze verwies Baumeister auch noch auf weitere Orte die für bronzezeitliche Kulte genutzt wurden. Hierzu zählen neben Brandopferplätzen vor allem Kultplätze am Wasser, sowohl an Fließgewässern als auch an stehenden Gewässern.
Ein über ganz Europa verbreitetes religiöses Symbol in der Bronzezeit war die Sonnebarke. Baumeister legte im weiteren Verlauf seines Vortrags dar, dass dieses Motiv in den europäischen Kontexten bereits voll ausgebildet war. Ähnliche Motive finden sich zeitgleich bei den Ägyptern und Hethiter. Funde aus dieser Region zog Baumeister als Vergleich heran. Im Alten Ägypten, so Baumeister weiter, hatte man die Vorstellung, dass der Sonnengot Ra mit einer Barke durch die Unterwelt fuhr. Im Europa der Bronzezeit entwickelte sich eine eigene Formensprache, vor allem in der Gestalt von Wasservögeln.
Darüber hinaus wird der Bezug zur Sonne auch bei den goldenen Hüten oder Kegelkronen der Bronzezeit deutlich, wie Baumeister gegen Schluss seines Vortrags anmerkte. Der prominenteste Fund dieser Art sei der „Berliner Goldhut“, der heute im „Neuen Museum“ in Berlin verwahrt wird. Gegenwärtig seien vier diese kegelförmigen Goldhüte bekannt, die eine reiche Sonnensymbolik zeigen und womöglich zur Berechnung des Sonnenlaufs dienten und damit wohl eine kultisch-kalendarische Funktion erfüllten.

Dr. Jürgen Kniep

An die Vorträge schloss sich um 12.30 Uhr eine Mittagspause an. Um 14.00 Uhr begann das Nachmittagsprogram. Zur Auswahl standen der Besuch der Landesausstellung im Ausstellungsteil Kloster Schussenried, der Besuch der Landesausstellung im Ausstellungsteil Federmuseum Bad Buchau oder der Besuch der Schaugrabung des Landesamtes für Denkmalpflege Olzreuter Ried.
Bürgermeister Achim Deinet

Um 16.00 Uhr lud die Stadt Bad Schussenried zu einem Empfang in den Tafelsaal des Klosters Schussenried. Bei Kaffee und Kuchen begrüßten sowohl der Kreiskulturamtsleiter Dr. Jürgen Kniep als auch der Schussenrieder Bürgermeister Achim Deinet die Teilnehmer des Oberschwabentages.

Prof. Dr. Michael Gerhard Kaufmann

Wolfgang Manecke

Danach verlieh die Gesellschaft Oberschwaben den Preis für Heimatgeschichte an den Biberacher Wolfgang Manecke. Er wurde für seine jahrzehntelange unermüdliche Forschungsarbeit insbesondere auf dem Gebiet der historischen Orgelforschung geehrt. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Michael Gerhard Kaufmann von der Heidelberger Hochschule für Kirchenmusik. Der Preis wurde vom Geschäftsführer der Gesellschaft Oberschwaben, Dr. Edwin Ernst Weber, übergeben.


Weiterführende Informationen:


Veranstaltungsflyer
Große Landesausstellung 2016 "4000 Jahre Pfahlbauten"
Kloster Schussenried

Übergabe des Preises für Heimatgeschichte durch den Geschäftsführer Dr. Edwin Ernst Weber